MutterTag

„Muttertag ist ein Tag wie jeder andere auch,“ pflegte Mama immer zu sagen.

Sie hat von uns Kindern nie erwartet, dass wir besonderen Wert auf solche aufgezwungene Tage, wie Muttertag, Valentinstag, Frauentag usw. legen.

Sie war in jeder Lebenslage ein sehr emotionaler und temperamentvoller Mensch. Gleichzeitig war sie sehr introvertiert.

Ich mache eine Zeitreise zurück. So weit zurück wie meine Erinnerungen noch reichen. So weit zurück wie meine Erinnerungen noch Bilder vor meine Augen legen können.

Mama war nicht die typische Mama die uns jeden Tag mit einem Küsschen weckte, uns wusch und könnte und uns zur Schule brachte, damit wir unsere Füße nicht anstrengen müssen zum Laufen.

Mama war berufstätig. Sie arbeitete hart. Sie arbeitete Schichtdienst und Bereitschaftsdienst und machte Überstunden, damit meine Eltern ein Haus bauen konnten.

Sie schleppte schwere Einkäufe, putzte und kochte für uns. Und sie hatte immer ein Ohr zum zuhören, eine Hand um uns zu streicheln, Worte um uns zu trösten und viel Humor, um uns zum Lachen zu bringen. Sie hatte aber auch eine Art Heiligkeit in sich zu der wir aufsahen. Sie war eine sehr schöne Frau, hatte eine besondere Zärtlichkeit in ihrem Wesen und ebenso eine besondere Fragilität. Sie zeigte ihre Liebe auf eine besondere Art in den kleinen Dingen des Alltags. Wer nicht tiefgründig genug fühlte, nahm sie nicht wahr.

Sie sagte nie „ich liebe dich, oder ich habe dich lieb“, sondern zeigte es indem sie indem sie sagte „was täte ich jetzt ohne dich?“ oder „komm her du kriegst ein Kuss.“ Als wir klein waren und sie uns noch hochheben und tragen konnte, hob sie uns hoch und wirbelte uns im Kreis herum.

Am Muttertag aber deckten wir Kinder den Frühstückstisch mit dem guten Porzellan für sie. Und als wir ihr für ihre Liebe und Fürsorge dankten weinte sie. Zuerst löste sich die erste Träne aus den Augenwinkeln und rollte die Wangen herunter auf unsere Haare und dann lösten sich alle Tränen aus dem Wimpernsaum und fielen wie ein Platzregen auf unsere Köpfe.

„Oh, ich will euch nicht die Haare waschen,“ lächelte sie verlegen und küsste uns auf die Stirn. Stirnküsse zeigen innige, bedingungslose Liebe. Sie küsste unsere Stirn, wischte den Lippenstift mit dem Daumen weg und verstrubbelte unsere Haare. Wir sind alle Wuschelköpfe. Sie liebte unsere Haare. „Lammwolle“ nannte sie unsere Haare.

Das war der besondere Augenblick – Mama’s Tränen in meinen Haaren glänzten wie winzige Perlen in den Haarstränen.

Als Mama erkrankte versuchte ich ihr diese Liebe und Fürsorge zurückzugeben.

Rollentausch. Als Kinder nehmen wir und als Erwachsene geben wir.

Ich weiß nicht ob Mütter sich generell lieber an die Töchter wenden, aber sie wollte nie, dass die Jungs sie sehen wenn sie Schmerzen hatte. Von den Jungs lehnte sie jede Hilfe ab was ihre Pflege betraf. Wir wurden beste Freundinnen und doch sagten wir uns nicht alles, wie beste Freundinnen es tun. Wir strittenn uns auch sehr heftig und lagen uns Minuten später in den Armen und weinten uns uns gegenseiten an den Schultern des anderen aus. Tränenregen bereinigt jede Wut, jede Traurigkeit. Dann lachten wir wieder. Vielleicht mag ich deshalb den Regenbogen so sehr. Er verkörpert die Freude des Himmels nach einem Unwetter.

Der rasante Fortschritt ihrer Erkrankung, machte sie zu einem anderen Menschen. Sie empfand irgendwann, dass sie nicht mehr die Frau zu der ein Mann aufsieht war. Sie nahm rapide an Gewicht ab als man ihr eine Niere entfernte und als man dann in der anderen einen Nierenzellkarcinom diagnostizierte. Sie fuhr eines Morgens( zum Wochenmarkt, sagte Oma) und kam nie an. Oma hatte keine Tochter und ich keine Mama mehr.

Ich hatte damals als ihre Krankheit fortgeschritten war, selbst viel durchzustehen und das Studium noch dazu zu bewältigen. Ich war nicht rund um dir Uhr bei ihr. Ich nicht ihre Hand und sie schlief nicht in meinen Armen ein als sie für immer einschlief. Das wäre mein letztes Geschenk an sie gewesen.

Heute bin ich selbst Mama und weiß wie es ist als Mama alles zu geben. Ich begreife es erst jetzt, wie es ist, zischen Muttersein, Partnerschaft und Beruf einen Spagat zu ziehen und darauf zu balancieren. Und ich denke ich werde auch meiner Tochter mit Tränen ihre Haare waschen.