Tagebuch 1

Der Tag schälte sich wie ein Kücken aus dem Ei und ich schälte mich abrupt aus dem Traum. Ich habe den Sonnenaufgang verschlafen und bekam nur noch ein paar morgenrotfarbene Streifen davon zu sehen. Der Schlaf hängt in Fetzen noch an mir.

Irgendein OP-Saal, irgendein Brummen, ein paar hastige Worte und das Gefühl ich muss eigentlich gar nicht operieren, ich habe frei, was mache ich hier…..wo bin ich…Treppe hochrennen….

Ich mache die Augen auf…. die Lider schmerzen…die Augen brennen.

Die Sommergrippe ist bei mir eingezogen und hat sich um meine Stimmbänder gewickelt wie dichter Nebel um morgendliche Landschaft. Mein ganzer Körper hat sie umwickelt wie man mit einem Leinentuch eine Porzellanfigur die man wegpacken möchte.

Und dann stand die Sonne da, schon so weit oben am Himmel und schaute durch mein Küchenfenster. Noch ist es kühl und auf den Blumen sind noch vereinzelt ein paar Morgentauperlen zu sehen.

22°C um am Morgen um 08:00 Uhr.

Sturmfreie Bude für die blöde Grippe?

Ich trinke Espresso der mir heiß die Kehle herunterrinnt und an meiner Halsschleimhaut zerrt wie ein wildes Tier am Fleisch seiner Beute.

Ich sehe aus dem Fenster und vermisse ……ich vermisse und vermisse……

Mama’s Stimme in meinem Kopf klingt in meinem Ohr. „Setz dich endlich an den Tisch beim Essen. Du bist doch nicht im Stall bei den Tieren großgeworden!“

Was soll dass denn? Fieberdelirium? Ich fühle warme Hände auf meinen Schultern, einen warmen hauchzarten Atem auf meiner Wange, Arme die mich umschlingen, einen hühlen Kuss auf der Stirn.

„Komm, lege dich ins Bett!“

Ich werde getragen wie ein Kind…..ich habe keinen Boden unter meinen Füßen…..ich werde getragen….und dann falle ich …..ich liege weich…ich liege auf de Couch….und die Welt um mich herum schläft ….und ich auch…

Eine Stunde Ewigkeit aus dem Tag verschlafen.

Es geht mir gut….ich könnte vielleicht einen Grashalm ausreißen… aber ich muss mich aufraffen….“alle sieben Zwetgschen aufraffen“  und anrufen, dass ich nun ja den Spätdienst nicht übernehmen kann.

„Gestern ging es ihnen doch noch gut, oder? Gestern haben sie noch Witze gemacht? Sahen noch gut aus…….“

„Aber wie muss man denn mit Sommergrippe aussehen? Wie hätte einem der Fleischwolf durchgekaut?“

Mache jetzt keine Werbung für Tempotaschentücher, aber ich habe die ganze Woche bestimmt eine riesige Packung davon verschneuzt. Den Schneuztest haben sie bei mir nicht bestanden.

Aber ja so ist es halt. Bei der Besetzung die wir zur Zeit haben, fehlt es an allen Ecken und Enden. Auch OP fallen aus.

„Ich baue mir einen Tropfenfänger unter die Nase und komme zum Dienst“….

„Bist ein Schatz….kriegste am Samstag frei. Versprochen!“

Ich kroch aus dem Bett und stellte mich unter die Dusche. Ich krähe mit dem Radio mit…..einerseits singe ich gegen die Wut, gegen die Grippe und gegen alles was mich ….

„Scheissegalien!“ Da bin ich…..“Scheißegalien!“

Ich werde zum Dienst fahren…….und nun weg vom Laptop.

 

 

 

 

L’heure du loup – die Stunde des Wolfes

L’heure du loup – die Stunde des Wolfes ist die Zeit kurz vor dem Morgenstern, das Intervall in dem die Nacht, dem Tag weicht, kurz bevor die Sonne aufgeht. Die Zeit in der sich angeblich viele Sterbende verabschieden. Die Zeit in der die meisten Unfälle passieren, die Zeit in der unser Schlaf am tiefsten ist und in der wir träumen und alpträumen. Wer Nachtdienst weiß, dass die Konzentration zwischen 3:00 Uhr – 5:00 Uhr sinkt, weil der Blutdruck und die Körpertemperatur niedrig werden, da der Stoffwechsel sich eigentlich im Schlafmodus befinden sollte.

Für Schlaflose ist die Wolfsstunde eine quälende Zeit. Das Fühlen und die Emotionen sind am intensivesten, die Gedanken tiefgründiger.

Ich erlebe die Wolfsstunde eher selten, aber wenn der Wolf nach mir schnappt, dann schnappt er heftig zu.

Ich habe keine guten Gedanken, meine Emotionen lösen Herzrasen aus und ich habe keine Worte und keine Farben, um dieses  – ich nenne es Angst – Gefühl zu beschreiben.

Meistens verscheucht der Handywecker um 4: Uhr den Wolf, oder ich stehe auf.

Der Schatten den der Wolf hinterlässt hüllt mich noch ein paar Minuten ein.

Espresso verscheucht den Wolf. Nach dem ersten, wirft er noch etwas Schatten, aber beim zweiten Espresso rennt er weg.

Und wenn ich keinen Frühdienst habe und alle noch im Tiefschlaf oder in den Träumen liegen, habe ich meine kreative Wolfsstunde.

Meistens schreibe ich und höre dazu Radio.

Tout est poésie.

Draußen auf der Fensterbank

ruht eine Amsel

vom ersten Morgenflug aus.

Und wenn ich traurig bin

fängt sie an zu singen.

Leicht und berauschend

wie dein Morgenlachen.

Sie sitzt da,

als würde sie ihre Flügel ablegen und mich beschwören:

„Streife das Kleid der Melancholie ab

und singe mit mir.“

Nous avions tout aimé,

tout aimé l’un de l’autre.

Je te cherche et t’attends,

je suis les battements

de nos cœurs qui s’appellent

répétant en échos

comme en morse des mots.

Ich küsse weg

Ich fühle deine unsichtbaren Tränen

wie sie mein Herz erreichen.

Auf unsichtbaren Regenwolken,

rinnen sie in unsichtbaren Flüsse

bis sie mein Herzufer erreichen.

Ich küsse die Traurigkeit weg,

aus all deine Tränen,

bevor sie sich in meinem Herzmeer verlieren

und unter gehen

wie trübe Salzwasser Perlen.

Ich küsse sie weg,

alle Tränen,

so als wären sie Blütenblätter

und so als würde ich mich in den Frühling verlieben

©Émilia

Regel der Zeit

Die Zeit wird nicht still stehen,
um Anlauf zu nehmen
sich gegen den Uhrzeigersinn zu drehen.

Geschehenes wird nicht Ungeschehenes,
Getanes wird nicht Ungetanes,
Vergangenes wird nicht Gegenwärtiges werden.
Die Zeit sieht vorwärts
und dreht sich mit jedem Tag neu
um das noch Ungeschehene, Unerwartete, Ungetane,
es zu entdecken.

Das ist die Regel der Zeit