Novemberballade (Teil 2)

Sie lief auf dem Herbstweg durch den Garten bis zum Tor.

Das Hoflicht verlor sich durch die kahlen Zweige des Kirschbaumes.

Plötzlich hörte sie hinter sich ein leises Knacken, wie ein hauchleises Flüstern. Angst keimte leise auf und durchfuhr ihr Herz, ihre Sinne, ihren Körper bis unter die Haut. Sie erschrak einen Herzschritt lang.

Ein grünbraunes Herbstblatt, das sein Schicksal nur zögernd annahm, gab unter dem Impuls des Schicksals nach und löste sich mit einem erschrockenen Flüstern vom Baum und fiel nur hauchweit hinter ihr.

Es fiel auf einen gemusterten Asphaltstein und verschmolz mit den Mosaikfarben den Asphaltsteins und den Farben des Nachthimmels. Graubraungrüngold.

Das allerletzte Blatt des Kirschbaumes.

An einem Zweig an der Baumspitze baumelte die letzte Herzkirsche ohne Herzblut.

Das letzte Herbstblatt

flüstert sein letztes Wort in den Wind

Zwischen Himmel und Erde.

Es singt seinen Abschied,

bis es seinen Atem verliert,

als es fällt.

Dann kam die große Stille.

Das letzte Blatt, wie ein Traum vom Wind getragen,

ein leises Flüstern, ein letztes Wort,

auf dem Herbstparkett..

Es ist keine Novemberballade nur über Tod und Regen,

es ist ein Abschiedlied der Herbstblätter für mich.

Novemberballade (Teil 1)

Gestern hingen noch ein paar Blätter

am Liebesbaum,

heute sind sie nur noch

aus den Erinnerungen gefallene Geschichten.

Sie winkten mir kurz zu

und fielen mir zu Füßen.

Und was ist von der Liebe noch geblieben?

Nur noch ein kahler Baum

und ein allerletztes einsames Blatt.

Und an einem Zweig

an der Spitze des Baumes

eine Herzkirsche ohne Herzblut.

Wie in jeder Geschichte,werden die Erinnerungen an die Zeit in Rauch verpackt, den ein veralteter Zug, seine der seine letzte Reise auf einem veralteten Gleis zum endgültigen Abstellgleis antritt, noch der Gegenwart hinterlässt.

Wenn du mir in die Augen siehst, triffst du herumwandernde Gedanken, zerbrochene Träume, wie zerbrochene, verlassene und vergessene Spielzeuge.

Es ist ein kaltes Herbstende, in dem die Blätter fast ihre Bedeutung verloren haben und ihre Reise fast zu Ende ist. Der Wind und der Regen schütteln und waschen alles Leben und Sterben aus ihnen und lassen nur diesen kupferfarbenen Teppich der Vergessenheit zurück.

Ein Zug nach dem anderen kommt und fährt von irgendwo nach nirgendwo und erstickt oder leert die Bahnsteige unseres archaischen Bahnhofs.

Der Herbst umarmt dieses kleine romantische Universum, in dem die Liebe ihr Haus, ihren Tisch und ihren Friedhof hat.

Der Wecker klingelte früh, sie öffnete die Augen und schaute auf das makellose Kalkweiß an der Zimmerdecke und versuchte, ihre Gedanken aus den Kissen zu sammeln.

„Nimm deine Träume mit in den Tag!“

Fünf ganze Minuten waren vergangen, als der Phonewecker erneut  klingelte und hinter ihren Augen den gleichen Gedanken setzten, ER. Das gleiche Lied, das zur Besessenheit wurde. Dieser Refrain ließ ihr Herz eine Extrasystole zu schlagen.

Sie stoppte Sie das Lied vor dem letzten Takt des Refrains. Eilig bereitete sich für den Tag vor, einen letzten Kammstrich durch ihre strubbelige Mähne die wie ein chaotisches Durcheinander sich über ihren Schultern und Rückenverteilt, nahm die Schlüssel und ging ohne Tee und Frühstück vor die Tür hinaus.

Und dann war es Alltag…..