Für Kinderaugen ein riesengroßes Stück Land. Hecken, Wildblumen, Kletten, Gras, Brommbeerensträuche, wilde Clematis, Kornblumen, Mohn, Apfelbäume, so weit das Kinderauge sah. Ein Stück wilde Natur, das niemandem mehr gehörte, das niemand haben wollte, das niemand pachten wollte.

Einen Tempel für Hasen, Mäuse und Insekten.

Am Wegesrand lies ein alter Mann, uralt für Kinderaugen, seine Ziegen weiden. Auch im Sommer trug er Herbst oder Winterkleidung, als wäre die erdfarbene speckige Kleidung seine zweite Haut.

Es grüßte höflich und schimpfte über seine Ziegen, die sich im Gestrüpp versteckten. Er rauchte Pfeife und hinterließ immer Rauchwolken, wie eine alte Lokomotive. Sollten die tanzenden Mückenschwärme die in der Luft vertreiben, wie er behauptete.

Irgendwann war er weg.

Heute ist das Land bebaut und alle Wege sind asphaltiert. Wo einst Hasen ihre Bauten in die Erde gruben, steht ein Hochhaus, erstreckt sich ein Parkplatz, ist ein Café mit Garten und Wintergarten,

ist ein Obstladen und ein Supermarkt.

Wie lange war ich nicht mehr da? Seit ca.vierzehn Jahren. Seit das Feld nebenan nicht mehr zum verpachten war und Opa über die Gauner und Ratten schimpfte, weil ihm die Ernte nicht angemessen vergütet wurde.

Heute stand ich da und hätte heulen können vor Wut. Nicht wegen der Ernte, sondern wegen der Natur. Der alte knorrige Maulbeerbaum steht noch da, wie ein Mahnmal. Der gehört jetzt zum Café.

Um ihn herum stehen ein paar Tische und Stühle.

„Im Sommer(Juni) werden die reifen Maulbeeren in den Kaffee fallen,“ dachte ich und musste lächeln und meine Wut war für einen Augenblick weg.

„Sie sollten im Sommer hier her kommen. Die reinste Idylle,“ sagte ein Mann neben meinem Ohr.

Ich erschrak und er entschuldigte sich.

„Davor war es schöner!“ rief ich wütend aus.

„Ich weiß, der alte Vetter Alfons gehörte zu diesem Fleck Erde.“

Ich verstummte. Noch ein Nostalgiker.

„Wer sind Sie?“ fragte ich erstaunt.

Gespielt empört fragte er „Kennst du mich nicht, oder willst du mich nicht mehr kennen.“ Ich erkannte ihn nicht. Meine Erinnerungen sagten mir nichts über ihn.

„Stephane, Mi……..“ sagte er. Er war so oft bei uns, da er mit meinem Bruder in eine Klasse ging.

„Ach die Michelbrüder!“erinnerte ich mich. Ich erinnerte ihn daran, wie wir eine ganze Schüssel voll mit Oma’s Krapfen verputzt hatten. Ich als einziges Mädchen unter den Jungs war und mit ihnen mithalten wollte und heulte weil ich nicht so viel essen konnte.

„Du bist immer noch so frech!“ lachte er.

„Aber ja, wird sich nie ändern!“

Wir verabschiedeten uns und versprachen uns irgendwann mit den Familien zum Kaffee zu treffen.

2 Gedanken zu “

  1. Eine schöne Geschichte, die ich sehr gut nachvollziehen konnte. – Ich wünsche Dir, dass es schon bald klappt mit dem „Kaffeetreffen“!

    Liebe Abendgrüße an Dich, Emilia!

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