Der Schlaf

Im Haus meiner Großeltern hatten wir einen riesengroßen Raum, dass sie liebevoll „Werktagsstubbe“ nannten. Er beinhaltete Küche, Wohzimmer, Esszimmer und Spielzimmer. Es war ein Anbau zum Haus. Nur zum Schlafen gingen wie in Haus.

Der Raum hatte zwei riesige Fenster. Das hintere Fenster war das Küchenfenster. Unter dem anderen Fenster stand ein mit grobem Samt überzogener Chaiselongue. Das schöne Blumenmuster war unter einer Decke versteckt. Ich hob immer die Decke um das eingewebte Blumenmuster zu betrachten.

Oma machte Nachmittags immer ein Nickerchen darauf.

Opa erzählte uns Kindern wie er Oma kennengelernt hatte.

„Der sanfte Wind spielte zärtlich mit ihren Haaren. Die Morgensonnne wärmte ihr Gesicht und unterstrich somit ihre feinen Gesichtszüge. Der Wasserspiegel des Sees sah sie aus wie eine Prinzessin. Hinreizend weich und zärtlich sah sie aus, eure Oma.“

Er lächelte.

„Sie fütterte die Schwäne und Enten und ihre Augen schienen zu lächeln. Ab und an huschte ein Lächeln über ihre Lippen um sich in ihren Mundwinkeln zu verstecken. Und ich hässlicher Frosch fühlte mich neben ihr wie ein Prinz. Ich war fasziniert von ihr und konnte seine Augen nicht von ihr lassen.“ erzählte Opa weiter.

Opa war auch als alter Mann noch adrett und er sah immer noch gut aus, als seine Haare schon fast grau waren. Und immer noch war er von Oma fasziniert.

Immer wenn sie ihr Mittagsschläfchen hielt und er zu Hause war, sah er ihr beim Schlafen zu, während er leise Musik hörte.

Ab und zu wachte sie plötzlich auf, sah sich um, sah Opa an und schlief weiter. Ihre Wangen färbten sich im Schlaf rosig“

„Sie hat rosige Bäckle, “ lächelte er und seine Augren strahlten so viel Glück und so viel Liebe aus. Sie war sein Glück.

Was für ein Zustand der Seelenerfüllung! Was für ein wundervolles Gefühl! Wie erstaunlich es war für mich zu sehen wie sie sich im Kopf, in der Seele und an der Seite hatten, wenn sie aufwachten, wenn sie einschliefen ….

Die Menschen verändern sich im Laufe der Zeit, doch die Liebe bleibt, so wie die Steine ​​im Flussbett bleiben wenn das Wasser weiter fließt.

Er sah Oma mit der gleichen kontemplativen Liebe an, mit der er sie vor vielen, vielen Jahren ansah. Sie hat sich zwar äußerlich etwas verändert. Ihre dunkelbraunen Haare mochten im Wind genauso schön gewesen sein, aber die Zeit hatte ihnen die Farbe Dunkelgrau wie die Nacht und Weiß wie der Schnee verliehen. Die Augen lachten immer noch.  Die anmutigen Bewegungen ihrer Jugend wurden vom Alter etwas unterdrückt, doch flink wie „ein Wiesel“ war sie immer noch. In seinen Augen blieb sie die gleiche charmante Prinzessin.  Und es war schön für ihn, seine Prinzessin schlafen zu sehen.

Nach all den Jahren, die sie zusammen verbrachten  war seine Liebe so lebendig wie am Anfang und er stellte sicher, dass sie es jeden Tag und jeden Moment wusste und fühlte.

Und sie wusste und fühlte es. Sie liebte ihn auf ihre Art.

Eines Tages blieb er im Bett. Fieber und Husten schwächten seinen Körper. Die Lunge, der Darm und die Lymphknoten waren dem Krebs verfallen.  Und sie pflegte ihn rund um die Uhr.

Und dann schlief er ein. Am 14. Januar 1996.

Er war göttlich. Er sah aus wie ein Schutzengel. Und die Tatsache, dass Oma ihren schlafenden Engel sehen musste, erfüllte ihre Seele mit Traurigkeit. Sie berührte zärtlich seine Wange.

„Jetzt ist er unser Schutzengel!“ sagte sie mit weinender Stimme.

Tränen tropften auf Opas Gesicht. Sogar auf die Nase. „Ich mach dich ganz nass!“ sagte sie und küsste ihn auf den Mund aus dem alles Leben, alle Worte geflohen sind zusammen mit seiner Seele.

„Mach das Fenster auf Kind!“ sagte Oma lauter, als wären wir alle taub und sah mich an. „Und dann geht alle raus!“

Ich stand da und hatte Angst. Für mich ist der Tod nur ein schwarzes absolutes Nichts.

Ich bin nicht religiös, aber Gefühle mit Rituale zu verbinden, ist auch für mich sinnvoll.

Und heute wie jedes Jahr an diesem Tag zünde ich eine Kerze an.

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