Wohlwollend

Heute kam ein uraltes Ehepaar in die Praxis. Händchenhaltend…sich gegenseitig stützend und helfend.

Ich stand vorne an der Annahme und besprach mit meiner Assistentin etwas.

Der Alte Herr grüßte zuerst, dann grüßte sie. „Wir haben angerufen, ich glaube sie hat sich die Hand gebrochen.“ er sprach für sie. Sie stand etwas wackelig neben ihm und hielt sich mit einer Hand an ihm fest.

„Meine Liebe, du hätlst meinen Arm fest, ich kann die Dokumente nicht aus dem Umschlag holen.“ sagte er liebevoll.

Ich ging auf sie zu, lächelte sie an und brachte sie in ein freies Behandlungszimmer. Dann machte ich eine Anamnese und wollte ihr gerade sagen, dass sie gleich geröngt werden muss, als er besorgt eintrat und „Da bist du ja!“ rief. Sie zupfte seinen Hemdkragen zurecht.

Nach der Behandlung verließen die beiden sich gegenseitig stützend die Praxis.

Am Nachmittag fuhr ich mit Oma Elke und Zoé einkaufen.

Ich fragte Oma Elke, wieso einige Ehepaare es schaffen zig Jahre zusammenzubleiben und andere nicht.

„Sie sind vielleicht wohlwollend zueinander.“ versuchte sie eine Antwort zu finden.

Wohlwollend……ich wollte Elke nach einem Synonym fragen, übersetzen konnte ich es nicht. Für das Wohl des anderen Sorge zu tragen….

„Wohlwollend?“

„Ja, bestimmt. Sie müssen ja nicht immer einer Meinung sein, aber sie finden Kompromisse, sie unterstützen sich gegenseitig.“

Das ist also wohlwollend…..

Ob das erst ab einem bestimmten Alter beginnt, die Dauer einer Beziehung eine Rolle spielt, oder ob das schon zu Beginn so ist.

Meine Eltern haben es nicht geschafft. Mein Vater hatte seinen eigenen Kopf und je mehr sich Mama bemühte, umso mehr erwartete er. Was richtig oder falsch war, bestimmte er.  Meine Großeltern so weit ich es mitbekommen habe, waren sie sehr wohlwollend zueinander.

Auch dann wenn Oma’s große Klappe Opa manchmal verbal verletzte, oder auch nicht, denn er hätte sich bestimmt gewehrt. Er konnte ihr schon Paroli bieten wenn es ihm zu blöd wurde. Aber sie waren wie Kletten…..immer irgendwie aneinanderhängend. Ich habe es einmal auch nicht geschafft. Nach knapp zwei Jahren war es schon vorbei. Ob wir wohlwollend zueinander waren? Nein! Wir waren zu sehr mit uns selbst und mit unserem Ego beschäftigt. Aber der Mensch ist lernfähig und kann innerlich wachsen.

Wohlwollend. Auch wenn ich manchmal zu Lars sage, dass ich nicht sein Babysitter bin, versuche ich ihm sehr viel an Arbeit abzunehmen, ihn zu umsorgen. Nach dem „Zuerst-kommen-andere, dann du-Prinzip lebe ich. Man ist für das Glück des anderen verantwortlich.  Und es war von Beginn so. Bei ihm aber auch. Er versuchte von Anfang an mir Wege zu ebnen.

Wir haben eine verrückte Art uns zu streiten. Irgendwann müssen wir beide lachen über unsere Verrücktkeiten.

Wir sind nicht immer einer Meinung, aber wir finden Argumete und Kompromisse.

Aber was wenn einer immer unzufrieden ist, mit sich selbst und mit allem und allen um sich herum? Solche Menschen ziehen andere herunter.

Da würde es knallen, weil ich das nicht verstehen würde. Jeder empfindet doch anders……man kann ihm nicht vorschreiben wie er Glück zu empfinden hat und niemand kann vom anderen erwarten ausschließlich für sein Glück zu sorgen.

Wohlwollen,,,,,,,ein begrenztes Gut…..oder eine Art Liebe. Keiner liebt mehr als der andere.

 

Dazwischen

Wenn du zwischen den Fronten stehst, zwischen zwei Menschen, zwischen zwei…….und man erwartet von dir, dass du auf jemandens Seite sein sollst, du die Wahl hast, dich entscheiden musst, entweder oder……du wirst von einem Augenblick zum anderen ein Akrobat der sich auf die Zehenspitzen stellt und geschickt dazwischen zu wandern lernt. Und du versuchtst loyal, objektiv zu sein, wenngleich jeder dich auf seine Seite zieht, Erinnerungen dich überwältigen, Emotionen an deinem Herzzipfel zupfen und zerren. Farben, Düfte, gemeinsame schöne Erlebnisse versuchen dich ein einen besonderen Duft einzuhüllen.

Dann machst du akrobatische Sprüge zwischen den Emotionen, zwischen der Liebe, zwischen Menschen, zwischen allem was dich mit ihnen verbindet. Du tanzt auf einem Seil und du versuchst dein Gleichgewicht zu halten, damit du nicht dazwischen fällst. Ein Illusionist der alle Feinheiten lernen muss um Gedanken, Farben, Tränen, Menschen, Liebe, in ein Gleichgewicht zu einem gemeinsamen Nenner bringen muss.

An die Augenblicke in denen nichts funktioniert und du weder Gleichgewicht auf dem verbindenden Seil finden kannst, noch dazwischen auf Zehenspitzen tanzen kannst, denkst du gar nicht.

Dann ergibst du dich jemanden, etwas…..den Erinnerungen, den Emotionen, den Gedanken, der Liebe, ……..Allem.

Mitten im Gedicht

Mitten im Gedicht

zwischen den Zeilen,

wie auf einer einsamen Insel

umgeben von ungesagten Worten

die Blumen und Bäume und Gras sind.

Die Dschungel und Lianen sind.

Sie aß die Sonne

wie man eine exotische Sommerfrucht ißt,

mit vollem Mund

aß sie das Fruchtfleisch

und der Süße Saft bahnte seinen Weg

durch ihre Kehle,

wie ein Sirup des Lebens.

Und sie beißt in das Fruchtfleisch

bis zum bitteren Kern.

Sie saß unter den Bäumen

im Halbschatten des Sommers,

wie im Halbschatten des Lebens

und sah die Früchte fallen,

die wilden Rosen sterben,

mitten im Gedicht.

Und die Worte verblassen

wie die Farben.

mitten auf der einsamen Insel

blieben die Worte ungesagt

mitten im Gedicht

©Émilia

 

Ich entleere den Himmel seiner Wolken,

entferne die Möven und Schwäne aus dem Meer,

die Fenster vom Haus,

entleere das Ziffernblatt seiner Zahlen,

entferne die Uhr aus der Zeit

du gehst aus meinem Herzen

und wirst zum Gedicht

mit der Zeit

©Émilia