Die Sandfrau

Ich klopfte drei Mal an die Küchentür.
„Endlich ist Maré da.“ hörte ich die Stimme meiner Großmutter. Ich öffnete die Tür und umarmte stürmisch meine Großmutter die für ihr Alter noch ganz flink auf mich zurannte.

„Sei nicht so wild mit mir, ich bin nicht mehr gut auf den Beinen.“ scherzte sie.
„Omi!“ rief ich aus und küsste sie heftig und laut auf beide Wangen.
Meine Mutter stand in einer hauchdünnen himmelblauen Seidenbluse und einer schwarzen Bundfaltenhose vor mir und legte ihre zarten Arme um mich. „Schön dass du da bist!“ sagte sie mit tränenverschleierten espressofarbenen. Sie hatte die gleiche Augenfarbe wie mein Großvater und den gleichem gütigen und liebevollen Blick.
„Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Examen!“ sagten alle im Chor und es klang fast wie ein Kanon. Ich war mit meinen rationalen Gedanken und mit meinen Herzgedanken bei meiner Mutter. Wärend Großmutter, der Lebensgefährte meiner Mutter, zwei Tanten und zwei Onkel mich drückten und abknutschten als wäre ich ein Kuscheltier oder ein Quitschtierchen, daschte ich: „Sie ist regelrecht abgemagert, ausgelaugt und lebenleer. Merkt niemand etwas außer ich?“
„Merci!“ sagte ich gerührt und fühlte wie sich mein Gesicht puterrot färbte. Ich war verlegen, denn ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt.
„Seht euch das an!“ rief meine Mutter erfreut und ihre esspressofarbenen Augen sprühten goldfarbene Pünktchen. Wie Esspressolava in einer kleinen Tasse.  Sie lachte nicht nur mit dem Mund, sondern mit dem ganzen Körper. Sie reichte die bordeauxrote Kunstledermappe mit den Diplom und den Zeugnissen herum. Alle Augen waren stolz auf mich gerichtet.
„Nun ja, wenn man schon so viel Geld für ein Studium hinblättert, dann muss man es ja auch bravourös abschließen.“ scherzte ich. „Es ist doch nur ein Diplom und eine Aprobation. Es gibt Wichtigeres im Leben als eine Mappe mit Zeugnissen.“ Das meinte ich ernst.
„Sag mal, kannst du dich gar nicht darauf freuen? Du bist doch nicht autistisch!“ rief meine Mutter und ihre Stimme klang enttäuscht, dass sie mich nicht so erziehen konnte, dass ich vor Begeisterung singe und tanze. Sie wusste, dass ich mich tief in meinem Herzen freue, dass alle Herzmeerwellen an den Herzhäuten brechen und mein Herz an meinen Rippenbogen schlägt wie an eine Küste. Sie konnte es nur nicht verstehen, dass ich diese Freude und dieses Glück nicht zeige.
„Aber ja, freue ich mich. Was soll ich jetzt tun? Radschlagen oder mich um die eigene Achse drehen?“ lachte ich.
„Nach dem Essen gibt es die Geschenke!“ zwinkerte meine Mutter mir zu und setzte sich neben ihren Lebenspartner, den ich liebevoll Papá oder Pá nenne.
„Es gibt so Vieles worauf sie alle stolz sein können. Sie haben noch zwei Söhne und von den beiden schon vier süße Enkelinnen geschenkt bekommen. Wieso sollte ich jetzt der Mittelpunkt sein?
Und wieso sind alle um mich herum versammelt, als wäre ich eine Göttin?“ dachte ich.
Es gibt bei uns immer etwas zu feiern. Wenn es nichts zu feiern gibt, gibt es ein Familientreffen. Einfach so.
Bon Jovi sang „Let It Rain“. Meine Mutter liebte Bon Jovi. Sie stand auf und stellte das Radio etwas lauter.