Die Sandfrau

Ihre Mutter wurde am zehnten Tag nach ihrem Unfalltod zu Grabe getragen. Um den Unfalltod zu untersuchen wurde eine Autopsie angeordnet. Multiples Organversagen. Die Nieren haben ihre Funktion eingestellt und somit das Blut und alle anderen Organe schleichend vergiftet. Sie sei am Steuer ohnmächtig geworden, hieß es in den Berichten.

Maré ahnte bei ihrem letzten Besuch und bei ihrer letzten Umarmung, dass ihre Mutter sich schon längst aufgegeben hatte. Die letzte Umarmung fühlte sich so kraftlos an, als würde das Leben schon schrittweise  aus ihrem Körper weichen.

„Wann begann das Leben aus ihrem Körper zu weichen? Wann hat sie sich entschlossen nicht mehr zu kämpfen?“ fragte sich Maré als sie zwischen ihren Brüdern in der Trauerhalle des Friedhofs saß.

Es duftete nach Lavendel und Honig. Ihre Mutter liebte Lavendel über alles. Ihre Großmutter hatte bei der Friedhofsgärtnerei kleine Lavendelsträuße, die ins Grab geworfen werden, in Auftrag gegeben.

Maré ließ die Traueransprache des Priesters über sich ergehen. Die Psalmen und beschriebenen Szenen aus dem Leben ihrer Mutter erreichten weder ihr Herz noch ihre Gedanken. Die zweistündige Trauerfeier hatte sie im Laufe in stimmige innere filmähnliche Bilder verwandelt.

Ihre taumelnde, weinende, vor Trauerschmerz wimmernde Großmutter, die Mutter ihrer Mutter, fiel abwechselnd Maré und ihren Brüdern in die Arme. Obwohl Maré sich selbst halten konnte, musste sie den Lebensgefährten ihrer Mutter stützen. 

Wie in Trance hörte sie die samtweichen, seidefeinen, liebevollen Worte ihres Papá’s die an ihre Mutter adressiert waren. Sie fühlten sich warm an, wie eine Decke aus Schafwolle und Vogelfedern, als er die Liebe seines Lebens zum letzten Mal mit Worten zudeckte.

Sie hörte wie ihre Brüder mit zitternder Stimme über Erlebnisse aus dem Leben  bildlich sprachen. So viele schöne zarte und kräftige Farben in den Bildern.

Maré musste sich schnell zusammennehmen und ihre vom Weinen durchgewaschenen Stimmbändern zum sprechen bringen. Die Traurigkeit fühlte sich an wie ein aus Versehen verschluckten Bonbon in ihrem hals an und schnürte ihr fast die Kehle zu.

„Löse den Knoten und sag was!“ schrie sie sich in Gedanken an. „Man erwartet das von dir als einzige Tochter!“

Sie weinte lautlos und sie zitterte vor Kälte.

„Sag was!“ flüsterte ihr Zwillingsbruder an ihr Ohr. Ihr größerer Bruder legte seinen Arm um sie. „Komm sag auch etwas!“

Maré sah durch den Tränenschleier auf den mit weißen Rosen und Lavendel umrahmten Sarg. Mit zitternden Fingern entfaltete sie ein tränennasses Blatt Papier auf dem sie ein paar Stichworte gekritzelt hatte und sagte:

„Mama, ich wollte dir noch sagen,“ sie sprach sehr leise. „Ich wollte dir noch über die Sterne in deinen Augen sagen, sie waren schön. Wenn du lächeltest, schien die Sonne, auch denn wenn die Welt im Regen unterging. Ich möchte dir noch über den Donner in deiner Stimme wenn du auf mich wütend warst sagen, er erschreckte mich sehr. Du wolltest es gut mit mir. Du duftetest immer nach Heublumen und frisch gemähtem Gras. Nach Sommerregen und Orange im Winter. Ich werde auch an die Tränen denken, die vor Freude und die vor Traurigkeit geweinten, wenn wir uns umarmten. ich werde auch an deinen Enttäuschung und an deinen Stolz auf mich erinnern. Und nun ja, ich werde mich auch an dein Verschwinden im Nebel denken. Dein Weggehen für immer. Ich kann dich nicht loslassen, so wie es andere tun werden, da sie sich einreden deiner Seele Frieden zu schenken, indem sie dich loslassen. Ich werde dich bestimmt urlange vermissen und Himmel und Erde in Herz und Gedanken in Bewegung setzen.“

Dann schwieg Maré.

Nach der Trauerfeier lag Maré in ihrem ehemaligen Kinderzimmer, bei brennendem Licht, dessen Schatten sich an den Wänden zeigte. Sie lag auf ihrem Jugendbett und starrte an die himmelblaufarbene Decke.

Es klopfte an der Tür. „Komm runter etwas esssen.“ sagte ihr Zwillingsbruder.

„Laaaaaassss mich in Ruhe!“ schrie Maré.

Rotztropfen nennt man einen Tropfen unverteilter Farbe auf  Wänden oder auf  einer Leinwand. Sie musste lächeln, bei dem Gedanken, dass nichts im Leben perfekt ist.

Dann schlief sie ein.

„Du hast gesungen!“ sagte ihre Großmutter am Frühstückstisch. „Sehr schön, aber ich habe nichts verstanden.“  Maré erinnerte sich weder an das Lied noch an den Traum. 

„Du sitzt auf Mama’s Platz schrie Maré ihren Zwillingsbruder an. Er tat so, als hätte er nichts gehört.

„Kinder, seid einfach still. Benimmt euch nicht wie Idioten. Ich brauche den Krieg zwischen euch hier  nicht. Seid friedlich!“ schrie ihre Großmutter und klopfte mit der Faust auf den Tisch.

Die Stille danach war surreal.

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