Die Sandfrau

Die Traurigkeit legte sich wie eine zweite Haut um sie und hielt darunter gefangen. Maré war unfähig sich der ganzen Welt zu stellen. Die logische Welt lenkte sie ab. In der Chirurgie hatte sie alle Hände voll zu tun und ihre logik und Konzentration wurde gefordert. Doch ihre emotionale Welt funktionierte nicht. An freien Tagen, fiel ihr allein schon die Morgendusche schwer.

Das Leben ging weiter nur mit dem logischen Teil ihres Ichs.
Sie schleppte sich widerwillig zur Haustür. Sie lehnte für einen Moment ihre Stirn gegen die kalte Glastur und sah hinaus. Vor der Haustür spielte sich das Leben ab  – ohne sie. Sie schloss die Augen.
Dann richtete sie sich auf und strich sich ein paar wilde Locken aus dem Gesicht. Eine unwillkürliche Bewegung, denn es war ihr egal wie sie aussah. Den wilden Locken sah man nicht an, ob sie gekämmt oder ungekämmt waren.
Tränen schossen wie eine Quelle in ihre Augen und bahnten ihren Flusslauf über ihre blassen Wangen.
„Verdammt, ich bin nicht einmal in der Lage vor die Tür zu gehen, geschweige denn unter die Leute.“ seufzte.
Sie ging zurück in die Küche, öffnete den Kühlschrank. Gähnende Leere schlug ihr entgegen.
„Es reicht verdammt noch mal!“ schimpfte sie in Gedanken. „Du kannst heulen oder lachen, du kannst die Welt auf den Kopf stellen, sie wird nicht vom Himmel auf die Erde fallen und weiterleben. Sie ist so was von tot. Also du gehst jetzt raus, kaufst dir Essen und Wasser und gibst deinem Leben Normalität und Sinn.“
Maré öffnete die Haustür und staunte. Sie fühlte sich als wäre sie aus einem tiefen Winterschlaf erwacht. Sie hatte es satt, der Schwarz-Weiß-Musik des nicht gestimmten Klaviers der Traurigkeit zu lauschen.
Es war Frühling und die die pastellfarbenen Farben hauchten der Leinwand der Natur neues Leben ein.
Maré nahm die Autoschlüssel von der Kommode im Flur und ihre Einkaufstaschen und fuhr zum Supermarkt in die Stadt.
Sie freute sich wieder auf die Frühlingsonate für ihr Klavier mit bunten Tasten.
Inspiriert von den Farben des Frühlinganfangs und vom milden Märzwind genoss sie jeden Tag eine neue Partitur meines Lebens in vollen Zügen.
Sie lief nicht achtlos durch das Leben sondern sie lief fröhlich aber auch nachdenklich durch den Frühling, achtete auf sich, flirtete, machte lange Spaziergänge, zwar nicht am Meer, sondern am Fluss. Sie ging unter Menschen. Sie genoss den Morgentau auf dem kruden pastellgrünen Gras.
Die weiß-schwarze Partitur des Trauers war vorbei, doch einen Hauch von Melancholie blieb.
Sie schrieb am Abend in ihr Journal:
„Die Traurigkeit ist vorbei. Ich werde dem Eiswinter vergeben, dass er die Bäume für mich in ein weißes Schneeblütenbrautkleid gehüllt hat, die für mich bereit waren ihre Knospen in einem pastellfarbenen Feuerwerk aufgehen und aufblühen zu lassen. Ich werde meine Herzfenster weit öffnen,  mich vom Frühling parfümieren lassen und den Duft in meine Sinne aufnehmen.
Ich werde intensiver, inniger und tiefgründiger lieben. Ich werde sensibler, besonnener und hilfsbereiter zu meinen Leben und meinen Lieben sein und sie beschützen wie ein Wildtier seine Brut beschützt.
Und ich werde genießen.
Ich bin bereit mich zu verlieben.“