Lebenswege

Ich bin hier aufgewachsen.

Hier zwischen Felden und Tieren und Bäumen.

Zwischen Obstbäumen und Sonnenblumenfeldern.

In einem Haus mit einer Treppen aus einem alten Walnussbaum,

die unter den Füßen immer etwas zu sagen hatte

als wäre der Baum noch lebendig.

Alles und  eigentlich doch gar nichts  hat sich verändert.

Die Bank auf dem Feldweg

die Picknicktische vor dem Weingarten sind längst verblasst.

Die Zeit, als ich hier spielte ist weggerannt und ich ebenso.

Ich komme immer wieder hierher zu meinem Lieblingsplatz

unter dem uralten Maulbeerbaum

der seine brommbeerfarbenen winzigen Maulbeertrauben auf mich regnet

und meine Lippen, meine Fingern und die Sonntagsbluse bemalt.

Die vielen Gespräche und langen Spaziergänge

das Flüstern und  das Händchenhalten, die niemand es sehen durfte

mit einem guten Freund aus Kindertagen

halte ich immer noch in der Erinnerung wach.

Wachstum, Überwucherung, Zurückschneiden

war nicht nur für Planzen und Bäume gedacht.

Ich habe hier gelebt und Teile meines Seelenlebens ist noch hier .

Und ich kann nicht entscheiden, ob ich will, dass es hier weitergeht

Ich hatte einen Gott hier,

ich habe den Tod hier erlebt wie er viele Leben mitnahm.

Ich habe mich hier verändert, jedes bisschen tut es weh.

Ich bin auf eine Art dankbar, aber ich bin auch verärgert

Ich sehe alle Gesichter, die an mir vorbeigehen grüßen höflich.

Ich möchte gerne wissen was sie denken wenn sie sagen:

„Oh, du bist wieder hier!“

Ich bin nicht allein hier

und es macht keinen Unterschied außer der Sprache die er nicht gut spricht,

denn ich spreche seine auch nicht gut.

Es ist ein guter Ort zum Leben und zum Lieben

Aber nicht wegen diesem Ort,

was ich gelernt habe

und wen ich liebe bin ich hier.

Dieser Ort, alles und nichts hat sich verändert

aber ich hoffe, ich habe mich verändert

und deshalb bin ich hier

zusammen mit den Menschen die ich liebe

und zusammen mit dem Menschen der mich liebt

und zusammen  möchten wir diesen Ort verändern

©Émilia

Elemente

‚Erde‘

Wir sind keine Sterne.

Das Universum,

hat uns aus Erde geformt,

in Schlamm geworfen

mit Gewittern und

ausbrechenden Vulkanen beseelt.

Unsere Seelen singen Lieder

und wir erheben uns

durchzogen mit Venenflüssen

und Felsengesichtern,

während der ruhige Mond

mit Liebe auf uns herab sieht.

‚Luft‘

Dein Atem

mischt sich mit meinen

zu einem bittersüßen Seufzer,

du sagst meinen Namen wie ein Gebet.

Wir sind uns einander

Schiffsegel im rauen und im ruhigen Meer.

Wir umarmen uns in einer Brise,

wie zwei einander verlorene wiedergefundene Seelen

und es ist schwer zu sagen

wo ich ende und

du beginnst.

‚Wasser‘

Wir verschmelzen ineinander

zu Regenwasser

unsere Herzen sind Flüsse

und münden in das weite Meer,

und speisen es mit Süsswasser unserer Liebe.

Wir fallen wie wilde Wasserfälle

und tauchen in das tiefe Unbekannte.

Wir schlagen überschwänglich dann rieselnd

singende Wellen die uns tragen wie ein Schiff.

‚Feuer‘

Wir sind wilde Kinder der Liebe

eingekerbt und verbrannt,

wir sind karminrot

in den Wehen wilder Leidenschaft,

wie die Hitze der Sterne

die sanft die Erde wärmen bei Nacht

Unsere Berührungen

entflammen die Sterne

bis sie zerbarsen

im Kosmos.

‚Ether‘

Wir sind Liebesether

und fordern zurück verlassene Träume

und Häuser, die jetzt in Ruinen liegen,

wir setzen uns ab,

weich wie Sternenstaub

auf den Mantel der vergänglichen Zeiten.

Wir sind Erinnerungen.

Licht an vielen

und Dunkelkeit an manchen Tagen.

Aber wir sind immer gefüllt

mit der Hoffnung und Liebe

©Émilia

Menschen und Jahreszeiten

Ich las als Teenager gerne Naturgeschichten. Über Bäume, über Tiere, über Flüsse, Jahreszeiten und manche  Autoren geizten nicht mit Metaphern. Ein Fragment blieb mir in Erinnerung.

So sinngemäß zitiert: „Vergleichen wir Menschen die uns im Leben begegnen mit den Jahreszeiten.“

In Gedanken wandere ich zurück, als ich ca. siebzehn Jahre alt war. Mit siebzehn ist man als Mädchen zwar schon eine junge Dame und achtet sehr auf sein Äußeres. Mit siebzehn sah ich aus wie ein Mädchen mit fünfzehn und so fühlte ich mich auch.

Bis eines Tages im November. November ist ein melancholischer verregneter Herbstmonat. Die Bäume werfen ihre letzten Blätter im Novembersturm ab. Die Natur ist eine amorphe Elegie. Eine Enigma im Nebel.

Ich stand auf dem Perron und wartete ungeduldig auf die Métro.  – Acht Haltestellen waren es von der Schule bis zum Bahnhof. An der neunten musste ich aussteigen. Ich hatte also jede Menge Zeit Menschen zu beobachten. –

Ich zog die Mantelkaputze fester zusammen, damit meine Ohren vor dem Schneeregen geschützt sind und hielt sie mit einer Hand fest. Die andere Hand steckte ich tief in die Manteltasche. Der Novembersturm peitschte den Schneeregen auf den Perron und riss mir immer wieder die Kaputze vom Kopf. Die Regentropfen und die winzigen Schneeflocken glänzten wie Pailletten auf meinen Haaren und Schulten und reflektierten das Neonlicht.

Endlich hielt die Métro, ich stieg ein und setzte mich auf einen freien Platz am Fenster. Ich hatte jede Menge Zeit Menschen zu beobachten. Ich sah ihnen einen Augenblick lang in die Augen, auf ihre Gesten, auf die Haare oder auf ihre Kleidung.

„Vergleiche Menschen mit den Jahreszeiten, “ fiel mir der Satz wieder ein. Wir erkenne ich Frühlingsmenschen? Sind sie fragil, sensibel und voll von Zärtlichkeit? Sind die Sommermenschen schön im Herzen und besonders warmherzig, liebevoll und fröhlich? Herbstmenschen lieben sie Farben? Tragen sie den Duft der Ernte, eine innere Stärke in sich? Und Wintermenschen sind sie still und schön wie  unberührter Schnee? Tragen sie eine besondere Ruhe im Herzen?

Ich beobachtete fremde Menschen und ordnete sie den Jahreszeiten zu. Ich kannte diese Menschen nicht und ich kannte deren Natur nicht. Ich habe geraten.

Ob ich richtig oder falsch lag, habe ich nie erfahren.

Die Métro hielt an der Haltestelle am Bahnhof. Ich stirg aus und rannte los, um meinen Zug nicht zu verpassen.

Zuhause wurde ich von dem Gedanken Menschen den Jahreszeiten zuordnen abgelenkt. Und bis anhin kam mir dieser Gedanke nie wieder in den Sinn.

Heute las ich zufällig über einen Wintermenschen. Und sofort fiel mir der Satz wieder ein.

Ich sah Zoé an un entdeckte den Frühling in ihr. Den Frühlingshimmel ihn ihren Augen, die zarten Händchen, die Fragilität ihres Körpers, das zärtliche, fröhliche Lächeln, und die aufkeimende Hoffnung und das unruhige Streben nach Wachsen. Mein Frühlngsmädchen.

Ich sah dir in die Augen, sah einen See im Sonnenuntergang. Ich hörte deine wärmende Stimme wie sie meine Sinne berieselt wie ein feiner Sommerregen. Ich fühle deine beschützenden Arme um mich, ich fühle mich an deiner Schulter geborgen. Tief in deinem Ich erahne ich manchmal ein reinigendes Sommergewitter.  Deine Worte donnern und deine Augen blitzen wie ein See im Sturm. Dann schenkst du mir das schönste Lächeln. Es ist wie ein Sonnenaufgang. Warm spiegelt es sich in den  morgenfrischen Tautropfen. Mein Sommergefährte.

Und ich? Ich bin eher der launschische Frühlingsmensch, der manchmal die Stille des Winters vermisst, aber im gleichen Augenblick impulsiv aus sich herauswachsen will. Ich weine Aprilschnee und lache Mairegen. Ich liebe meine Natur die immer pastellfarben ist.

©Émilia