Nebel

Wir Menschen sind eigentlich wie Nebel. Wir wissen, dass in unserem Herzen und in unseren Gedanken Gefühle sind. Aber für manche Gefühle gibt es in keinem Wörterbuch und in keiner Sprache ein Wort.
Dann verbergen wir unser Selbst und passen uns den Augen der Gesellschaft an. Wir werden zu dem was andere von uns denken und zu dem wie uns andere haben wollen.

Tagesanbruch

Im verschlafenen Haus heute Morgen,
das Licht des Morgensterns,
das durch das offene Fenster blitzt.
Ein Stern, der übernacht geblieben ist.
Ich ging langsam die Treppe hinunter,
ging in den Garten,
an den Blumen vorbei zu den Bäumen.

In der ruhigen Kühle dieser Morgendämmerung,
im frühmorgendlichen Tau,
die Blumenköpfe noch tiefversunken im Schlaf,
während die Stille
sich in mir
von Kopf bis zu Fuß ausbreitet
sich um mein Herz legt.

Die Laternen vor dem Haus
gehen eine nach der anderen aus
als die Nacht sich langsam zurückzieht
und den unfertig geträumten Traum aus mir heraus reißt
wie ein fehlervolles beschriebenes Blatt.

Zwischen den Blättern in den Baumkronen
haben sich meine Gedanken verloren

Mein Herz ist aus dem Nest gefallen
wie ein nackter flugunfähiger Vogel.

Ich wünschte mir Federn und die Leichtigkeit des Herzens zurück
bedingungslos zu lieben.
In meinem Herzen
die Zärtlichkeit einer jungen Mutter
wurde wach
und ich flog wie ein Blitz zurück
in mein Nest in den Bäumen.

Ich habe Federn und bedingungslose Liebe

©Émilia

Ich gehe langsam im Regen

Ich gehe langsam im Regen

und denke dich.

Ich sehe die fallenden Regentropfen,

ich fühle die fallenden Regentropfen

wie sie die Liebe verdünnen,

verwaschen, verblassen.

Ich gehe langsam im Regen

und fühle der Himmel wird mehr sein

als eine Regenwolke.

Er wird Feuer sein

und die Liebe wird verbrennen

und Asche sein.

Ich gehe langsam im Regen

und ich sehe die fallenden Regentropfen,

ich sehe das fallende Wasser

wie es die Asche verdünnt, sie wegwäscht

bis zum Nichts

©Émilia

Manchmal

Manchmal ist es die zarteste Erinnerung meiner Seele an dich.

Dann verweilen meine Gedanken für einen kurzen Augenblick bei dir.

Manchmal sehe ich über dich hinweg.

Manchmal denke ich dich gar nicht.

Manchmal finde ich beinahe keinen Ausweg, keine Lösung dich wegzudenken.

Aus meinem Herzen,

aus meinen Gedanken

aus meinem Leben

©Émilia

Das Besondere der Regentropfen

Zoé weckt mich seit ein paar Tagen am frühen Morgen exakt um 5 Uhr.

Nach vielen Tagen Sommerhitze, regnete es heute. Ich liebe den Regen und wäre am liebsten in den Garten gerannt und hätte im Regen getanzt wie ein Kind.

„Zoé, nach dem Frühstück gehen wir raus,“ sagte ich zu ihr. Zoe lächelte mich an, ihre kleine Hand hielt meinen Zeigefinger fest.

Das Morgenspiel tut uns beide gut. Sie ist dadurch von ihrem „riesengroßen Hunger“ abgelenkt und ich habe mehr Zeit für ihre Körperpflege.

Sauber und frisch und satt machten wir einen ganz kurzen Spaziergang im Regen.

Zoé machte riesengroße staunende Augen, spitzte den winzigen Mund, als schien sie etwas zu suchen und zu hören. Sie fuchtelte mit Ärmchen und mit ihren Händchen, als würde sie den einen oder anderen Regentropfen einfangen und festhalten wollen.

Die Regentropfen fielen rhythmisch wie Herzschläge auf einen kleinen Mosaiktisch auf der Terasse. Das schien sie zu faszinieren. Sie sah den fallenden zu Regentropfen und lächelte.

Ich lächelte sie an – sie ist meine winzige Göttin.

Plötzlich musste ich lachen.

Ich erinnerte mich am Oma. Ich liebte diese Phase, wo Oma schrittweise zum alten kleinen Kind wurde. Ich liebte nicht ihre Hilflosigkeit, sondern ich liebte die Art wie sie die Welt sah, die Art wie sie ihre Liebe zu mir zeigte, die Art wie sie mir das Leben erklärte, und wie sie schrittweise zum kleinen alten Kind wurde.

Ich besuchte sie in dieser Zeit sehr oft, so gut wie ich meine Freizeit einteilen konnte.  Oma schlief  2017 für immer ein.

An einem Sommertag gab es ein heftiges Gewitter. Es blitzte und donnerte und es regnete in Strömen.

Oma konnte die ganze Zeit sehr schlecht gehen. An jenem Tag vergaß sie, dass sie schlecht gehen konnte und kam zu mir ins Zimmer. Sie packte mich am Arm und wollte mich von der Couch hochziehen.

„Da schießen sie!“ schrie sie mich an. „Hörst du! Der Krieg ist schon viel zu nah. Hörst du Émi?“ schrie sie weiter und zog an meinem Arm.

Ich stellte mich neben die, legte meinen Arm beruhigend um sie. „Omi, es donnert und regnet draußen. Das ist der Regen.“ sprach ich beruhigend auf sie ein.

Oma sah mich an, als würde ich mit ihr in einer Fremdsprache sprechen die sie nicht versteht.

„Es regnet …es regnet….die Erde wird nass.“ sang sie. Und ich ergänze“ Da freuen sich die die Blumen, die Bäume und das Gras.“

Wir standen in einer Umarmung und verloren uns im Lied.

„…und wenn es genug geregnet hat, dann hört es wieder auf“ sang Oma.

Oma konnte noch mit über 80 Jahren gut singen.

Und plötzlich schrie sie: „Huch, ich habe noch Wäsche draußen hängen. Und du was stehst hier herum? Hast du nichts zu tun? Wie sieht es hier aus? Räum sofort dein Spielzeug weg! Hörst du du Bankert? Wenn ich wieder komme, ist alles weg, sonst schmeiß ich alles zum alten Eisen. Alles. Dich auch.“

Ich führte Oma wieder in ihr Zimmer, zog ihre Strümpfe aus und führte sie zu ihrem Ohrensessel am Fenster.

„Es regnet Émi. Weißt was das heißt? Heute müssen wir nicht gießen. Heute können wir faulenzen.“

„Aber ja Omi.“ Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände und küsste sie auf die Stirn, wie man ein Kind küsst.“

Man sagt: wenn man ein Kind auf die Stirn küsst wächst es groß.

Ich küsste sie wie ein großes altes Kind. „Es regnet es regnet…“ sang sie wieder und ich ergänzte.

Oma schloss die Augen und schlief sofort ein.

 

Singend ging ich mit Zoé zurück ins Haus. Ihr Ärmchen und Händchen hielten nicht still.

Ich weiß nicht wie lange wir am Fenster standen und den Regen beobachten. Ich weiß aber, Zoé mag den Regen.